Wie der "Rienzi" entstand
Durchbruch und Neuausrichtung im Leben Wagners

(von Dirk Meyer)

"Rienzi" ist die vierte Oper Richard Wagners. Die Vorgänger waren "Die Hochzeit", die er entwarf, als er 19 war und die nur noch in Fragmenten erhalten ist, die Oper "Die Feen", die erst nach seinem Tode uraufgeführt wurde [München 1888] und "Das Liebesverbot", das er in Magdeburg sogar uraufführen konnte - jedoch ging das Theater unmittelbar darauf pleite, so daß es bei der einen Aufführung blieb.

Mit erstmaligem Erklingen der Ouvertüre des "Rienzi" machte sich am musikalischen Himmel ein neuer Stern der Welt bekannt. Die Uraufführung wurde Richard Wagners erster (und - bis auf die "Meistersinger" - einziger) Premierenerfolg. Der Grund hierfür liegt sicherlich darin, daß der "Rienzi" im gewohnten Stil der damaligen Zeit komponiert ist und noch nicht in der Wagner eigenen Art, wie alle auf ihn folgenden Opern (bzw. Musikdramen) es sind. Trotzdem im "Rienzi" vom eigentlichen Wagner noch wenig zu hören ist, ihm auch die Tiefe der späteren Werke fehlt, klingt die Musik wunderbar: Temperamentvoll, abwechslungsreich und brillant, stellenweise sehr innig und tief empfunden.

Richard Wagner fand während einer Unterbrechung der Komposition des "Rienzi" mit der "Faust-Ouvertüre" zu seinem eigenen Stil und schrieb nie wieder ein Werk von der Art des "Rienzi". Jedoch - selbst wenn er diese Richtung weiterverfolgt hätte - Richard Wagner wäre auch so ein großer Komponist geworden!

Der Stoff des "Rienzi" basiert auf geschichtlichen Ereignissen. Der historische Cola di Rienzi war im 14. Jahrhundert Volkstribun in Rom. Wie der Rienzi der Oper vertrieb er die Anführer der Adelsparteien aus Rom und rief eine römische Republik aus. Er setzte sich für die Einigung Italiens ein, wurde vom Papst gebannt und mußte fliehen. Später wurde er begnadigt und regierte erneut in Rom, bis er in einem Volksaufstand erschlagen wurde.

Richard Wagner lernte diesen Stoff durch einen Roman von Edward Bulwer-Lytton kennen. Den Sozialrevolutionär Wagner reizte vor allem Rienzis Einsatz für die Freiheit und sein Kampf gegen die herrschenden Adelsparteien. Wagner arbeitete den historisch nicht unbedingt unanfechtbaren Rienzi zu einem Idealbild eines Verfechters der Sache des Volkes heraus. So nahm ihm Wagner die im Roman vorhandene Geliebte und läßt ihn in seiner Oper sagen: "Roma heißt meine Braut!".

Wie für jede seiner Opern (auch schon bei seinen Frühwerken) dichtete Wagner für den "Rienzi" den Text selbst. Er hatte bereits früh die Überzeugung, daß Text und Musik zusammengehören, was er jedoch noch nicht argumentativ begründen konnte, sondern eher instinktiv empfand. Wagner begann mit der Dichtung des Textes zu "Rienzi" im Juni 1838 in Riga, wo er als Musikdirektor wirkte. Einen Tag nachdem er das Textbuch vollendet hatte, ging er zur Komposition über. Diese sollte vorerst - nur von einer fiebrigen Erkrankung unterbrochen - am Schluß des zweiten Aktes enden, da Wagner vor seinen Gläubigern aus Riga fliehen mußte.

Sein Ziel war Paris, die maßgebliche Musikstadt zu dieser Zeit: Mit der überlangen Dimension des "Rienzi" hatte Wagner auf eine Aufführung in der "Großen Oper" in Paris spekuliert, nicht in einem Provinztheater. Die Flucht aus Riga ist eine abenteuerliche Geschichte. Wagner mußte mit seiner Frau und einem zugelaufenen Hund ohne Paß als schwarzer Passagier durchkommen. Er entschied sich für eine Seereise auf einem kleinen Segelschiff namens "Thetis", mit dem er erstmal nach London gelangen wollte. Die lange Schiffsfahrt gestaltete sich äußerst unangenehm, sie kamen mehrmals in schweren Sturm, so daß sich die Thetis in einem Fjord im südlichen Norwegen in Sicherheit bringen mußte. Die Auswirkungen dieser lebensbedrohenden Unwetter und der überwältigenden Eindrücke, die Wagner in dem Fjord erlangte, sind noch heute zu spüren: Im "fliegenden Holländer". In unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zum "Rienzi" fand Wagner im "Fliegenden Holländer" schlagartig zu seinem Stil: Der sagenhafte Stoff, die Handlung und die Musik - auf einmal unverkennbar Wagner.

Doch noch harrte der "Rienzi" seiner Vollendung. Wagner kam glücklich in London an, wo er Bulwer-Lytton, den Autor des Romans, besuchen wollte, ihn jedoch nicht antraf. So reiste er weiter nach Paris und ließ sich dort nieder. Wagner war erst einmal damit beschäftigt, sich einzurichten und zu versuchen, in Paris auf musikalischem Gebiet Fuß zu fassen, was ihm jedoch nicht gelang. Er ließ die Komposition des "Rienzi" unterbrochen und wandte sich kleineren Gelegenheitskompositionen zu, die nicht erwähnenswert sind bis auf eine, die "Faust-Ouvertüre" nämlich. Angeregt durch eine Wiederbegegnung mit den ersten drei Sätzen von Beethovens IX. Symphonie komponierte er dieses Stück und vollzog mit ihm den musikalischen Stilwechsel, dessen deutlicher Ausdruck die nach dem "Rienzi" geschriebene Oper "Der fliegende Holländer" ist. (Diese gehört - im Gegensatz zu "Rienzi" - zu den in Bayreuth gespielten Opern bzw. Musikdramen.)

Die letzten Akte des "Rienzi", deren Musik in Skizzen bereits vorlag, sind allerdings nicht von diesem Stilwechsel betroffen. Zur Fortführung ihrer Komposition entschloß sich Wagner, nachdem er alle Hoffnungen auf Aufführung selbst irgendeines seiner Werke in Paris, geschweige denn des "Rienzi", begraben hatte. Zu dieser Zeit bestand Wagners Leben daraus, sich von Freunden und Bekannten Geld zum Überleben zu leihen, Bittbriefe an Gönner zu schreiben, um vielleicht doch noch ein Pariser Theater von einem seiner Werke zu überzeugen. Er lebte von Tag zu Tag in der Angst, sein restlicher Besitz könne gepfändet werden und er selbst würde in Schuldhaft kommen. In seine Erinnerung haben sich diese Jahre als "Pariser Hungerjahre" eingegraben. Um sich über Wasser zu halten, schrieb Wagner für Zeitungen einige Artikel, in denen sich sein schriftstellerisches Können auf dem Gebiet der Prosa offenbart, wie es später nur noch selten der Fall war. Zudem trug er sich mit dem Gedanken, eine mehrbändige Beethoven-Biographie zu schreiben, die allerdings keiner der Verlage, an die er sich wandte, veröffentlichen wollte.

Trotz dieser widrigen Umstände verließ Wagner nicht die Kreativität und der "Rienzi" gedieh gut. Als Wagner mit dem fünften Akt fertig war, begann er mit der Ouvertüre. Die Tatsache, daß er die Ouvertüre zuletzt komponierte, festigt den Eindruck, den man beim Anhören hat, nämlich daß in dieser Ouvertüre schon ein Stückchen echter Wagner verborgen ist. Am 19. November 1840 war der "Rienzi" vollendet.

An eine Uraufführung war nicht zu denken, stattdessen mußte Wagner seine Wohnung in Paris aufgeben und in einen Vorort ziehen, wo die Mieten billiger waren. Hier entwarf Wagner den Text zum "Fliegenden Holländer". Diesen Entwurf bot er der Pariser Oper an mit der Bitte, ihn selbst vertonen zu dürfen. Die Pariser Oper ging darauf nicht ein und um zu Geld zu kommen, verkaufte er der Pariser Oper den Textentwurf auf Französisch, den dann ein anderer, heute in Vergessenheit verlorener Komponist (Pierre Louis Philippe Dietsch) in Töne setzte.

Wagner hatte durch Zeitungsartikel, die er für die "Dresdner Abend-Zeitung" geschrieben hatte, Kontakte nach Dresden bekommen und seinen "Rienzi" an die dortige Theaterintendanz geschickt. Paris als Wirkungsort seiner Zukunft hatte er längst aufgegeben. Tatsächlich hatte er mit der Dresdener Oper mehr Glück als mit der Pariser: "Rienzi" wurde in Dresden zur Aufführung angenommen. Dieser Erfolg bestärkte ihn in dem Bestreben, die Musik zum "Fliegenden Holländer" zu schreiben. Während in Dresden die Uraufführung des "Rienzi" vorbereitet wurde, vollendete Wagner in Paris den "Holländer". Es lag für ihn nahe, Paris zu verlassen und wieder nach Deutschland zurückzukehren. Als bei den "Rienzi"-Proben nicht alles so funktionierte, wie Wagner es sich vorstellte, begann er mit dem Umzug.

Von der Reise nach Dresden ist zweierlei erwähnenswert: Zum einen überquerte Wagner zum ersten Mal in seinem Leben den Rhein, was ihn tief bewegte, und zum anderen bekam er beim Anblick der Wartburg bei Eisenach die Inspiration zu "Tannhäuser", einem Stoff, den er in Paris kennengelernt hatte.

Eine Anstellung bekam Wagner in Dresden nicht, er lebte vom Geld seiner Schwager Brockhaus. Die ärmlichen Pariser Verhältnisse setzten sich also fort. Wagner wirkte bei den Proben zum "Rienzi" mit und kam nicht umhin, wegen dessen Überlänge einiges zu kürzen, was selbst die Zensur hatte stehen lassen.

Um diese Zeit herum unternahm Richard Wagner eine Reise nach Außig (heutzutage zu Tschechien gehörig [Usti]) , wo er im Schreckenstein bei Außig, einer Burgruine, unterkam. Zwischen den verfallenen Gemäuern des Schreckensteins wandelte er nachts im Mondschein umher, in ein Laken gehüllt, und schrieb tagsüber den Prosaentwurf zu seinem "Tannhäuser". Man kann sicher sein, daß er dort die Eindrücke empfing, die für alle Zeiten in der Tannhäuser-Musik verewigt sind.

Nach Dresden zurückgekehrt rückte die Zeit der Premiere des "Rienzi" schnell heran. Richard Wagner fieberte dem 20. Oktober 1842, dem Datum der Uraufführung, entgegen und konnte, je näher es rückte, umso weniger fassen, daß eines seiner Werke an einer großen Bühne aufgeführt werden sollte. Er hoffte auf die Lösung aller seiner finanziellen Probleme, doch konnte er vor Angespanntheit selbst nicht an einen Erfolg glauben. Als der Abend des großen Tages gekommen war und die ersten drei Akte der fünfaktigen Oper gespielt waren und das Publikum in begeisterten Jubel ausgebrochen war, war Wagner so in Trance, daß er einen Durchbruch noch immer nicht erahnte. Er meinte, der Applaus sei eine Höflichkeitsgeste, die ihm die Zuschauer zeigten, bevor sie nach Hause gehen würden, da der "Rienzi" immerhin schon vier Stunden andauerte und noch zwei Akte ausstanden. Doch dem war nicht so. Keiner verließ das Opernhaus. Als alles zu Ende gespielt war, war Wagner völlig entrückt. Er stellte sich vor das Publikum und konnte den Beifall nicht fassen. Noch am Tage danach war es ihm unmöglich, an den Erfolg zu glauben. Er ging ins Theater, um große Partien des "Rienzi" zu streichen, er bereute, der Oper diese kolossale Ausdehnung gegeben zu haben. Die Sänger jedoch zeigten sich so begeistert von dem Werk, daß sie keine Note von ihm vermissen wollten und Wagner dämmerte es langsam, daß er den Durchbruch geschafft hatte.

Zwar änderte sich seine finanzielle Situation durch diesen Erfolg nicht, ein Künstler hatte damals den geringsten finanziellen Anteil an seinem Werk, doch immerhin wurde nun auch der "Fliegende Holländer" in Dresden angenommen, eine Oper, die ihm viel mehr von Herzen gekommen war und nun dort lag als der "Rienzi".

Eine kleine Anekdote zeigt, wie schlecht es um Wagner bezüglich seiner monetären Verhältnisse bestellt war: Als er die sechste Aufführung des "Rienzi" dirigieren wollte, besaß er keinen Taktstock und mußte sich mit einem abgesägten Quirl behelfen, mit dem er das Orchester aufmischte.

Der Erfolg des "Rienzi" warf Wagner nicht aus der von ihm eingeschlagenen Bahn: Er erlebte nie wieder solch einen Triumph bei einer Uraufführung, doch trotzdem blieb er seinem endlich gefundenen Stil treu. War Wagner zwar beim Publikum durch den "Rienzi" bekannt geworden, so weilte er selbst längst in einer anderen Welt. Der "Tannhäuser" wartete auf seine Musik.

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